Für den nächsten Tag ist ein Ausflug in die Berge vorgesehen, weshalb wir früh ins Bett gehen. Mein Schlaf wird vom totalen Nichtvorhandensein jeglicher Rolläden ein bisschen gestört - in Mitteleuropa kennt man diese Erfindung nicht. Das Sonnen- und Mondlicht, das sanft durch die dünnen Vorhänge dringt, weckt mich einige Male auf. Der Morgen beginnt mit einem ausgiebigen Frühstück auf Basis von Butter, Marmelade, Salami, Eiern und Käse. Das Ziel des Ausfluges ist eine kleine Schutzhütte auf den Türnitzer Alpen. Dort probiere ich endlich mein erstes österreichisches Bier (ein Gösser), die fantastischen Weißwürste und ein Kirschwasser. Nach dem Essen gibt es eine heiße Schneeballschlacht und eine Fahrt ins Tal mit der Rodel.

Die Türnitzer Alpen
Die darauffolgenden Tage vergehen angenehm. Immer wieder machen wir kurze Ausflüge, ausgiebige Abendessen und spannende Logik-Wettkämpfe, in denen Christinas Vater ein wahrer Experte ist. Meine Heimfahrt wäre zwar für den 30. Dezember vorgesehen, aber ich nehme trotzdem die Einladung nach Rinn an, ein Dorf in der Nähe von Innsbruck, wo die Familie später noch zusammen mit den Großeltern und zahlreichen Onkeln und Tanten Silvester feiern wird. Tirol ist wirklich super, und die Leute dort sind sehr gastfreundlich und laut ("sicher wegen der Nähe zu Italien", denke ich in mich hineinlächelnd).
Der Zeitpunkt der Rückkehr in die Heimat ist gekommen, aber es dauert nur sechs Monate, bis ich wieder in Österreich bin. Diesmal ist es ein achttägiger Trip, der von der immer noch unermüdlichen Christina organisiert wird. Der Ausgangspunkt der Reise ist Innsbruck, die komplett von den Alpen umschlossene Perle Tirols, wo wir die Altstadt, das Goldene Dachl und das interessante "Museum der Sinne" besichtigen, wo man den Leuten verständlich machen möchte, wie ein Blinder die Wirklichkeit wahrnimmt.
Mit Mädchen zu reisen fordert seinen Tribut, und deshalb müssen wir unbedingt auch ins Swarovski-Museum, das sich alles in allem als interessant und künstlerisch gut durchdacht erweist, auch wenn vom Kristallverarbeitungsprozess rein gar nichts erklärt wird.

Der Hochseilgarten, eine echt
österreichische Freizeitbeschäftigung
Es ist ungesund, zuviel Zeit drinnen zu verbringen, und daher begeben wir uns in einen "Vergnügungs"-Park, der in Italien wohl nur schwer die Gunst des Publikums gewinnen könnte, abgesehen vielleicht von ein paar besonders abgehärteten Pfadfindern. Das ganze besteht darin, einem vorgegebenen Pfad über einige Trittbretter zu folgen, die zwischen riesigen Eichenbäumen angebracht und mit Seilen, Laufstegen aus Holz und großen Hängebrücken verbunden sind. Der abschließende Akt dieses in der Luft stattfindenden Gymkhanas ist ein Sprung aus 27 Metern Höhe. Vielleicht liegt es am starken Wind, vielleicht aber auch am dichten, unaufhörlichen Sprühregen oder an den Ausbildnern, die ständig auf Deutsch irgendwelche Anweisungen schreien, aber ich komme mir vor wie mitten in einer Militärübung. Jedoch, wie sagt man so schön, wenn man nach einem gefährlichen Abenteuer die Füße wieder auf den Boden gebracht und alles heil überstanden hat? "Es hat Spaß gemacht."
Unser Trip geht weiter, und zwar Richtung Vorarlberg, wo uns eine Kusine von Christina unterbringt. Dabei geht's durch Feldkirch, Rankweil und Dornbirn. Die Landschaft ist ein bisschen hügeliger als in Tirol, aber am sehenswertesten ist trotzdem das, was die Natur bietet: Schluchten und Flüsse. Der Dialekt, den die Leute sprechen, scheint rein gar nichts mehr mit Deutsch gemein zu haben, und auch Christina gibt zu, dass sie gröbere Verständnisschwierigkeiten hat. Ich bin fest entschlossen, etwas wirklich Verrücktes zu tun und ein Bad im Fluss zu wagen, aber ich lasse es sein, als mir das Wasser bis zu den Knien geht und ich die niedrige Temperatur spüre (ungefähr 14°C). Und als ich dann die zwei Kusinen fröhlich im Wasser schwimmen sehe, frage ich mich ernsthaft, ob sie nicht einer zumindest physisch höheren Rasse angehören.

Dornbirn, Voralberg
Die nächste Stadt ist die Hauptstadt Bregenz am Bodensee. Die geographische Lage ist historisch interessant: es ist genau der Punkt, an dem sich Österreich, Deutschland und die Schweiz treffen, und war stets der Schauplatz wirtschaftlichen Austauschs und internationaler Auseinandersetzungen sowie ein Durchreiseort für Flüchtlinge. Der See ist von einer unbeschreiblichen Pracht, und zwei Augen reichen scheinbar nicht, um all seine Schönheit zu erfassen. Es ist einfach zuviel: die sanft dahinziehenden Schiffe, die tausenden Blauschattierungen und die vielen kleinen Dörfer mit den Giebeldächern, die man an den Ufern erspähen kann. Trotz des wolkenlosen Himmels und der Spätjuli-Sonne bläst den ganzen Tag lang ein kalter Wind.
Mit dem Fahrrad erreichen wir Lindau, eine deutsche Stadt an der bayerisch-österreichischen Grenze, wo wir zum Abendessen verweilen, welches auf Knödeln basiert - ein typisch bayerisches Gericht, so ähnlich wie Gnocchi. Danach fahren wir wieder nach Bregenz und genießen (manche von uns mehr, manche weniger, weil alles komplett auf Deutsch ist) das Musical "West Side Story", eine moderne Neuauflage von Romeo und Julia. Die Aufführung ist nicht so besonders, aber die futuristische Bühne direkt am See ist schon interessant. Nach einer Nacht in der Jugendherberge geht es weiter nach Schaffhausen in der Schweiz, wo wir die Feuerwerke anlässlich des Feiertages am 1. August miterleben.

Rankweil, Voralberg
Das darauffolgende Jahr kehre ich nach Österreich zurück, und zwar im Rahmen eines Schulausfluges nach Wien in der vierten Klasse Gymnasium. Wie es so oft bei großen Gruppenreisen geschieht, habe ich mir nicht viel gemerkt, außer dass wir es geschafft haben, im Labyrinth des wunderschönen Schlosses Schönbrunn unsere Mathematiklehrerin zu verlieren. Trotz meines mangelhaften Interesses an Geographie und städtischer Architektur bin ich von der Stadt aufgrund ihrer Größe und Geschichte ganz hingerissen. Ich nehme mir vor, irgendwann wiederzukommen, um die Hauptstadt Österreichs mit mehr Ruhe zu besichtigen; vielleicht alleine oder nur mit ein paar Freunden.
Obwohl ich nur schöne Erinnerungen an die Orte und die Menschen habe, die ich in Österreich kennengelernt habe, werden gut drei Jahre vergehen, ehe ich die Gelegenheit haben werde, das Land wiederzusehen. Aber es wird eine Rückkehr im großen Stil sein: ich bin nämlich felsenfest entschlossen, Erasmus zu machen, und an der Wahl des Landes, in dem ich am liebsten studieren würde, gibt es keinen Zweifel. Bei den fünf Städten, die man auswählen kann, kreuze ich aufgeregt vier österreichische und eine deutsche an.

Die Bühne der West Side Story in Bregenz
Aufgenommen werde ich an der Johannes-Kepler-Universität von Linz, der Hauptstadt von Oberösterreich, die drittgrößte Stadt des Landes. Die omnipräsente Donau, die der Ausdehnung des Römischen Reiches die letzte Grenze gesetzt hatte und die nach dem Zweiten Weltkrieg die Grenze zwischen der russischen und der amerikanischen Besatzungszone bildete (eine Art kleinerer Checkpoint Charlie), teilt die Stadt in zwei Hälften. Die Sehenswürdigkeiten sind zahlreich. Besonders hervorstechen tun der Neue Dom, eine riesengroße Kathedrale im gotischen Stil, und die Nibelungenbrücke, die die zwei Donauufer und den Pöstlingberg verbindet; ein ungefähr 500 Meter hoher Hügel, auf dem eine schöne kleine Kirche aus dem Jahr 1750 steht und von dem aus man die ganze Stadt sehen kann.

Die wunderschöne mittelalterliche Stadt Steyr in Oberösterreich
Sofort nach der Landung am kleinen Flughafen "Blue Danube" treffe ich Katharina, meine fantastische Mentorin, die dort schon auf mich wartet. (Mentoren sind heimische Studenten, die je vier Erasmus-Studenten zugeteilt sind und deren Ansprechpartner sein sollen.) Sie macht mit mir eine Stadttour, stellt mich ihren Freunden vor und hilft mir bei einigen Anmeldeformalitäten an der Uni und im Studentenheim. Die Effizienz und Freundlichkeit der Leute ist einfach umwerfend, und ich frage mich, ob umgekehrt auch ein Erasmus-Student in Mailand sich so großer Hilfsbereitschaft erfreuen könnte. In den darauffolgenden Tagen lerne ich weitere Mentoren kennen: Martin, den Vorsitzenden der hiesigen ÖH und eine Quelle an präzisen Informationen, die mir dabei helfen, die richtigen Vorlesungen aus dem Studienplan auszusuchen; Georg, einen überaus effizienten und mehrsprachigen Pfadfinder, der noch einige Ausflüge organisieren wird; und Thomas, den einzigen Besitzer eines Balles für den Tischfußballtisch im Studentenheim. Der Uni-Campus, an einem wunderschönen und künstlichen kleinen See mit vielen Fischen und Enten gelegen, umfasst die Fakultäten für Technik, Rechtswissenschaft und Wirtschaftswissenschaft.
Ich besuche viele Vorlesungen auf "Deutsch" und komme drauf, dass die in Oberösterreich gesprochene Sprache ganz anders ist als das, was in der Schule gelehrt und gemeinhin "Hochdeutsch" genannt wird. Die Dialekte sind ein weiterer wichtiger Aspekt der regionalen Identität Österreichs, und jede Stadt hat so ihre Eigentümlichkeiten. Die lokale Aussprache neigt dazu, viele "a"s in "o"s zu verwandeln ("Kroft" statt "Kraft") und die Silbe "ul" in "ui". Manche Ausdrücke sind sogar völlig anders (statt "Kissen" sagt man "Polster"), und wenn man Essen mit Wohlgefallen begegnet, sagt man niemals "Das ist lecker!", denn das gilt als typisch deutsch. Anders als man vielleicht denken mag, ist die Beziehung zwischen den Bewohnern zwischen den beiden Nationen trotz der kulturellen und sprachlichen Nähe nicht gerade herzlich.

Der Bodensee von der deutschen Stadt Meersburg aus betrachtet
In den darauffolgenden Monaten wird das Studentenleben immer intensiver, wodurch ich die Gelegenheit habe, viele verschiedene österreichische Studenten und Professoren kennenzulernen. Letztere haben, bis auf ein paar seltene Ausnahmen, nichts mit ihren italienischen Kollegen gemein: sie beantworten Mails in weniger als 20 Minuten, sie sind pünktlich und sie erklären den Vorlesungsablauf und die Bewertungsmethoden im Detail. Die Hörsäle sind nicht überfüllt, und die Studenten können problemlos während den Vorlesungen Fragen stellen. Auch der administrative Teil birgt erfreuliche Überraschungen: Isolde und Birgit, höchst sympathische Sekretärinnen am Büro für internationale Beziehungen, helfen mir dabei, die meisten bürokratischen Probleme zu lösen, einschließlich derer, die die Leitung des Studentenheims verursacht hat.
Meine österreichischen Studienkollegen sind auch sehr nett zu internationalen Studenten, aber für gewöhnlich nicht sonderlich begeistert, auf Englisch zu reden oder die Langsamkeit mitzumachen, von der Gespräche mit Nicht-Muttersprachlern typischerweise geprägt sind. Zum Glück gibt es auch Ausnahmen: Thomas, mein einziger österreichischer Studienkollege, den das Arbeiten in einer multikulturellen Umgebung freut, Claudia, ein in Serbien geborenes Mädchen, das aber schon seit langem österreichische Staatsbürgerin ist, und Olga, eine Russin, die nach Linz gezogen ist, um mit ihrem Freund zusammensein zu können. Gemeinsam schaffen wir es, eine nette Arbeitsgemeinschaft auf die Beine zu stellen.

Der Westen von Linz von der Nibelungenbrücke aus betrachtet
Die Jahreszeiten wechseln sich ab: auf einen regnerischen Herbst voller Parties folgen ein kalter Winter ohne Schnee, dafür voller Prüfungen, und ein unbeschwerter Frühling, der charakterisiert ist von zahlreichen Grillparties am Pleschinger See nahe der Universität. Der Sport nimmt einen wichtigen Platz ein: Fußballspiele mit Franzosen und Spaniern, Cricket-Turniere mit Freunden aus Pakistan und die endlosen Tischfußball-Duelle mit Alex und Csabi. Auch an Ausflügen herrscht kein Mangel, vor allem innerhalb Oberösterreichs: Egle und Julia, zwei Litauerinnen, organisieren einen tollen Ausflug zwischen Bergen und Seen, der uns in die Stadt Ebensee führt, Katharina lädt mich zum Essen bei ihrer aus dem Mühlviertel stammenden Familie ein, während das REFI, die Organisation, die sich um die internationalen Studenten kümmert, als Ziele Steyr, Hallstatt und Gmunden vorschlägt; allesamt in der wunderschönen Region Salzkammergut gelegen. Auch im nahen Umkreis von Linz kann man interessante Ausflüge unternehmen: mit Renata und Saša besuchen wir die kleine und wenig touristische Stadt Wels, mit Šárka erforschen wir die Ufer der Donau, und mit Csabi schließlich begeben wir uns nach Steyregg, ein kleines Dorf, das einst im Besitz der Liechtensteiner Fürsten war.

Das Ufer von Urfahr vom Schlossberg aus gesehen
Während meines Aufenthalts mache ich Bekanntschaft mit der mitteleuropäischen Kultur und schließe zahlreiche und dauerhafte Freundschaften mit Tschechen, Ungarn, Slowenen und Slowaken. Dank des immer perfekt ausgerüsteten Eugen und in Begleitung von Lena können wir einen Tagesausflug nach Wien machen. Als wir unseren oberösterreichischen Freunden von unseren Reiseplänen erzählen, kommen wir drauf, dass die Leute in den Bundesländern, wie so oft, nicht gut auf die Hauptstadtbewohner zu sprechen sind, weil sie als eingebildet und unfreundlich gelten.

Das kaiserliche Wappen Österreichs mit den
Wappen der Kronländer. Im Uhrzeigersinn:
Böhmen, Illyrien, Siebenbürgen, Mähren und Schlesien,
Kärnten und Krain, Tirol, Steiermark,
Salzburg, Niederösterreich, Galizien, Ungarn.
Wien war jahrhundertelang das administrative Zentrum des einst viel größeren österreichisch-ungarischen Kaiserreiches, einstmals das zweitgrößte Land des Kontinents, aus dem mehr als ein halbes Dutzend der heutigen Nationen Mitteleuropas hervorgegangen sind. Die Symbole dieser glorreichen Vergangenheit sind noch immer intakt: in den Straßen im Zentrum folgt ein elegantes Gebäude auf das nächste, der Stephansdom mit seinem fast tausendjährigen Charme erhebt sich in den Himmel, und die beeindruckende Hofburg wird buchstäblich von Touristen aus aller Herren Länder belagert. Letzteres Gebäude beherbergt auch das Kunsthistorische Museum am Maria-Theresien-Platz, unter dessen weltbekannten Kunstschätzen sich das berühmte Gemälde "Turmbau zu Babel" befindet; quasi eine Allegorie auf den Schmelztiegel von Sprachen und Kulturen, die einst unter dem Adler der Habsburger vereinigt waren.

Der Park von Schloss Schönbrunn
Wir besuchen das alte Schloss Schönbrunn mit seinem unglaublichen Park. Die Gedanken schweifen zu den zahlreichen Besuchern dieses architektonischen Meisterwerks. Besonders erwähnenswert sind dabei Haydn, Mozart und der Maler Canaletto, der den Palast als Motiv für eines seiner Werke verwenden wird. Den schmalen Donaukanal entlangwandernd, erreichen wir Döbling in der Nähe des Karl-Marx-Hofes, vielleicht eines der berühmtesten Beispiele von sozialistisch inspirierter Architektur. Das Gebäude stammt aus den 30er Jahren und war als Modellquartier für Arbeiter gedacht. Es erstreckt sich über einen Kilometer lang und beherbergt mehr als 5000 Personen. Während wir bei diesem Anblick über die Geschichte und die Ideale hinter dieser Konstruktion diskutieren, begeben wir uns langsam zum Parkplatz zurück.

Der Stephansdom ragt zwischen
den Gebäuden Wiens empor.
Alles Schöne hat einmal ein Ende, und so nähert sich auch mein Erasmus-Jahr seinem Abschluss, begleitet von zahlreichen Abschiedsparties, einigen Tränen und dem Versprechen, dass wir uns irgendwann wiedersehen. Die Traurigkeit ist in den nun folgenden Monaten sehr groß, und Mailand erscheint mir sehr provinziell und langweilig. Das einzige Mittel, das ich finde, um die Schwermut zu bekämpfen ist es, mich unter die Erasmus-Studenten zu mischen, die in der Hauptstadt der Lombardei verweilen. Zum Glück mache ich schon am ersten Abend Bekanntschaft mit Christian, einem Österreicher aus Graz (Steiermark). Ich begrüße ihn mit einem lautstarken "Seavas, grüß di", eine Grußformel unter jungen Oberösterreichern, was ihn sehr zu amüsieren scheint. Wir schließen schnell Freundschaft, und an Gesprächsthemen mangelt es nie, da wir beide überzeugte Europäer, Sprachbegeisterte (er spricht ein perfektes Italienisch) und Informatikstudenten sind. In den darauffolgenden Monaten organisieren wir zahlreiche Ausflüge in der Lombardei, Parties und Pizza-Abende, und so schaffen wir es auch, eine tolle Gruppe internationaler Studenten um uns zu sammeln.

Grazer Hauptplatz
Das Besondere an Christian ist sein "steirischer Stolz", und so darf auch nie das T-Shirt seiner TU Graz fehlen, auf die er anscheinend besonders stolz ist. Da er unaufhörlich die Schönheit seiner Stadt und seines Bundeslandes preist, wird unweigerlich mein Interesse an diesem Teil Österreichs geweckt, den ich bisher noch nicht besucht hatte. Zehn Monate, nachdem wir uns das erste Mal begegnet sind, nutze ich eine Reise nach Linz für einen Abstecher in die Steiermark. Dank der zahlreichen Erläuterungen Christians bin ich auch bereit für die lokale Aussprache, die von einem starken Diphthong-Gebrauch geprägt ist, was selbst vor Stadtnamen nicht Halt macht. (Aus "Salzburg" wird etwas, das sich nach "Saoizbauag" anhört.)

Die Wappen der Unis
von Linz (JKU) und Graz (TUG)
Graz ist eine schöne Stadt, die zweitgrößte Österreichs, lebendig und voller Studenten. Besonders hervorzuheben unter den vielen Touristenattraktionen sind sicherlich der Schlossberg mit dem Uhrturm, der von dort die ganze Stadt dominiert, das Rathaus, das im Renaissance-Stil gehaltene Landhaus, Sitz der steirischen Landesregierung, und das barocke Schloss Eggenberg im Westen der Stadt. Auch die moderne Kunst hat in der Altstadt ihren Platz: die Murinsel, eine künstliche kleine Insel in der Mur, weist eine faszinierende Architektur auf, und am Westufer der Mur liegt das Kunsthaus, welches meiner Meinung nach große Ähnlichkeit mit einer Gurke hat.

Der Uhrturm, das Wahrzeichen von Graz
Dem perfekten Marketing meines Freundes zum Opfer gefallen, kaufe auch ich mir ein TU-Graz-T-Shirt und ziehe es an, als wir einen Ausflug nach Maribor (Slowenien) machen. Auch den Rucksack, den Christian mit hat, ziert das Logo der Uni. Auf der Rückfahrt im Zug, während wir auf Italienisch miteinander sprechen, nähert sich uns ein distinguierter und adrett gekleideter Herr. Er gibt uns lächelnd jeweils eine Visitenkarte und einen kleinen Anstecker in die Hand. Nein, es ist kein Bittsteller, auch kein Freiwilliger von irgendeiner karitativen Organisation, sondern der Rektor der TU Graz höchstpersönlich, Hans Sünkel. Auch er ist unterwegs in die steirische Hauptstadt und offenbar sehr stolz darauf, zwei internationale Studenten zu treffen, die für seine Lehranstalt Werbung machen. Der Tag vor der Abfahrt nach Oberösterreich vergeht langsam zwischen einem Besuch der barocken Basilika von Mariatrost und zahlreichen Pausen bei den Würstelständen am Jakominiplatz.

Ein Stück Salzburg
Die Rückkehr nach Linz ist fantastisch: ich schaffe es, alle meine alten Freunde wiederzusehen, und es scheint mir, als wäre ich gar nie wirklich weg gewesen. Ein neuer Erasmus-Student fragt, ob ich der "Fabio von der Website des Raab-Heims" bin. Die Straßen im Zentrum, die Uni, die Grillparty im Park mit Marta, Bashar und Mujeeb lassen die Erinnerungen ans vergangene Jahr wieder hochkommen. Thomas bringt mich zu einem Aussichtspunkt knapp außerhalb von Linz, den ich noch nicht gekannt hatte, Bernd und Michi laden mich zum Abendessen mit ihren Freunden aus Spanien ein, Csabi stellt mir seine ungarischen Kollegen vor... Ich verlasse die Stadt wehmütig, doch in der Gewissheit, dass sie stets einen besonderen Platz in meinem Herzen haben wird.

Das Goldene Dachl von Innsbruck
Das darauffolgende Jahr bin ich in den Weihnachtsferien in Salzburg, und zwar als Gast von Katrin. Auch sie hat Erasmus in Mailand gemacht. Die Stadt, dominiert von der Festung Hohensalzburg, hat eine unbeschreibliche Eleganz mit all ihren barocken Kirchen, den zahlreichen Schlössern und der herrlichen Salzach, die leise dahinfließt, unbeeindruckt vom Verkehr auf der Staatsbrücke.
Auf dem Heimweg mache ich für ein paar Tage Halt bei Veronika in Innsbruck, einer wirklich ungewöhnlichen Österreicherin, die ich das erste Mal bei den Linzer Couchsurfern getroffen und während ihres Erasmus-Aufenthalts in Mailand besser kennengelernt hatte. Endlich habe ich also die Gelegenheit, mit echten jungen Tirolern in Kontakt zu kommen und ein paar Tage auf den wunderschönen Bergen zu verbringen, die die Stadt umgeben. Veronika hat überall gelebt: von Amerika bis Tunesien, von Wien bis Mailand. Sie sagt, dass sie die Stadt und ihr ganzes Heimatland ein bisschen zu provinziell findet. Vielleicht hat sie ja recht, aber es ist trotzdem ein faszinierendes Land, reich an Geschichte und Kultur, die Heimat von Denkern und Künstlern, die Europa groß gemacht haben.
Jetzt kehre ich gerade von meiner x-ten Reise nach Österreich zurück. Die Erinnerungen an die Freunde, die ich hier kennengelernt habe, an die Feste, die wir gefeiert haben, die Städte, die ich besucht habe, gewähren meinem Geist keine Atempause. Ich bin weit herumgekommen in diesem Land, und es gibt keine Stelle, an der ich im Umkreis von 50 Kilometern nicht zumindest einen Bekannten hätte. Und angefangen hat alles mit einem Beachvolleyball-Spiel. Das Leben ist wirklich seltsam. Durch ein scheinbar unwichtiges Ereignis verknüpft sich die eigene Lebensgeschichte zumindest eine gewisse Zeit lang mit dem Leben von anderen und bildet somit eine faszinierende, wundersame und unvorhersehbare Handlung. Ich verliere mich in meinen Gedanken, während sich der Regionalzug, der mich nach Italien zurückbringen wird, gerade über die Steilhänge des Brenners schleppt...

September 24, 2010, 10:44 pm
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